Wie schmeckt Eisbergeis oder 7 Wochen Neufundland

12. November 2019 0 Von Lea Blättler

Wie soll man 7 Wochen voller intensiver Erfahrungen in einen kurzen Reisebericht packen, würden unsere Erlebnisse auf dieser besonderen Insel doch ein ganzes Buch füllen. Achtung es folgt ein langer Bericht, wer die Kurzfassung bevorzugt, klickt sich besser auf Polarsteps durch die Bilder von Neufundland.

Beginnen wir mit dem, was uns am meisten beeindruckt hat, die Menschen. Ich werde im Laufe des Berichts immer wieder darauf zurückkommen. Schon auf dem Parkplatz der Fähe nach Neufundland komme ich kaum dazu Brote zu schmieren, da wir von allen Seiten angequatscht werden. Wir bekommen Adressen und Reiseempfehlungen und werden ausgefragt. Auf dem Schiff geht das so weiter. Die ganze Zeit geniessen wir den Blick aufs Wasser und warten auf Meerestiere. Das beeindruckt selbst die Neufundländer und wir werden natürlich gefragt, was wir so lange draussen machen und damit in ein-, zwei stündiges Gespräch verwickelt. Unsere Geduld zahlt sich aber aus und wir sehen Wale (vermutlich Pilot- Wale) und Delfine.

Die ersten Tage erkunden wir den Süd-Westen und fahren durch kleine verschlafene Fischerdörfchen. Die Holzhütten mit Stegen zum Wasser leuchten in allen Farben. Das Wetter ist wechselhaft, so sehen wir zunächst wenig Tiere. Ein Mink lässt sich trotzdem blicken.

Auf der Halbinsel von Stephenville finden wir auf einer Landzunge mindestens 4 verschiedene Orchideenarten und werden beim Mittagessen von Seeschwalben angegriffen. Der Weg nach Burgeo im mittleren Süden vermittelt uns dann zum ersten Mal die Distanzen zwischen zwei Besiedlungen. Vom Wald geht es auf eine Hochebene, die nur von Moosen, Gräsern und Flechten bewachsen ist.

Nach unser ersten und bis jetzt einzigen Campingplatz Erfahrung in Kanada meiden wir solche Einrichtungen daraufhin wieder. Dank verschiedenster Partymusik aus drei Richtungen, war das die lauteste Nacht, die wir bis jetzt hatten.

Ein Festival, das wir unbedingt NICHT miterleben möchten, treibt uns weg von der Südküste und wir begeben uns in die Mitte der Insel in die Region von Twillingate, in der Hoffnung auf Eisberge. Ende Juli ist die Saison eigentlich vorbei, doch wir haben Glück. Nachdem uns Jean und Doug einen Tipp gegeben haben, finden wir einen kaum sichtbaren Eisberg vom Land. Zwei Tage später leisten wir uns einen privaten Bootsausflug und schauen uns 2 wunderschöne Eisberge von Nahem an. Zu nah ran gehen ist eigentlich sehr gefährlich, doch unser Fischer meint, 40 Jahre Erfahrung lassen ihn wissen, wo wir sicher sind. Also dürfen wir einen berühren und bauen grad noch etwas Eis für unsere Kühlbox ab.

Wie schmeckt nun also Eisbergeis? 5.000-20.000 Jahre altes Wasser (die Angaben schwanken je nach Quelle), das 2 Jahre lang von Grönland durchs Meer getrieben ist… schmeckt erstaunlich gut. Es prickelt auf der Zunge wie ein Kaktuseis, da die unter hohem Druck eingeschlossenen Luftblasen zerplatzten. Weiter unten noch unsere Gin Empfehlung: Seaweed Gin aus Neufundland (Thanks Gail)

Kommt nah an unseren Liebling aus Südafrika ran und war irgendwie schnell leer.

Um eine sehr besondere Erfahrung reicher, verabschieden wir uns von der Region des Massentourismus und gönnen uns 3 Tage auf Change Island und Fogo Island, 2 kleinen Inseln, auf denen wir Neufundland Ponys kennen lernen, schöne Wanderungen zu aufgegebenen Dörfern unternehmen und sehr alte noch lebende Dörfer besuchen.

Auf dem Weg zum Irish Loop im Süd-Osten machen wir halt bei Jean, die uns zu sich nach Hause eingeladen hat. Ausnahmsweise hat sie mal sturmfrei und anstatt das zu geniessen, dürfen wir Wäsche waschen, werden mit Pizza und Plätzchen versorgt und kochen als Dankeschön Älpermakaronen. Diese kommen auch einen Tag später zum Einsatz, als wir spontan dem Cape Pine einen Besuch abstatten. Ned, der Besitzer eines Hauses direkt am Leuchtturm, lädt uns direkt nach der Begrüssung ein, seine Toilette zu benutzen und auf Bier oder Wein mit rein zu kommen. Im ersten Moment haben wir das Gefühl, es handelt sich um ein öffentliches Gebäude, so viele Menschen gingen dort ein und aus. Es handelt sich aber nur um zwei Familien, die selbst grade erst am Auto ausladen waren. So lassen wir sie erst mal in Ruhe, erkunden das Gelände und finden Vögel und Robben. Am späten Nachmittag zieht dichter Nebel auf und wir können der Versuchung eines Bieres in warmer Umgebung nicht widerstehen. So haben wir einen sehr lustigen und interessanten Abend mit neuen Freunden, den wir wohl nie vergessen werden. Die Tafel, die als Gästebuch fungiert, ist der Beweis dafür.

Nur durch die Hilfe unserer neuen Freunde finden wir den Weg zum südlichsten Zipfel der Insel und wer hätte das gedacht, er ist Orange. Auf dem Weg dahin können wir wieder einige Seehunde beobachten und der Tag wird noch besser. Am späten Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum Cape Race. Auf der Karte werdet ihr feststellen, das ist gar nicht weit weg. Auf dem Weg dahin sehen wir einen stattlichen Karibu-Bock neben der Strasse und nur ein paar Minuten später einen jungen Elchbock der zwischen zwei Vorgärten frisst. Eine junge Kojote und ein Fuchs, die vermutlich grade erst die Mutter verlassen haben, beobachten uns neugierig auf der Strasse. Sieht aus als hätte der Fuchs sein Spiegelbild in der Kamera entdeckt. Jetzt könnte man sagen, das reicht doch an Glück aber auch die Buckelwale wollen sich noch Zeigen und klatschen fleissig mit den Brustflossen/Flippern und Schwanzflossen/Fluken aufs Wasser. Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir schliesslich am Leuchtturm an und werden mit springenden Delfinen belohnt. Zum Glück gibt es in der Nacht keinen Nebel, wir übernachten sehr nah am Nebelhorn und sehen das Blinken des Leuchtturms von Cape Pine. Überfüllt und glücklich von so vielen Eindrücken der letzten 2 Tage, fallen wir in einen tiefen Schlaf…

Du hast bis hier hin durchgehalten! Du schaffst auch noch den Rest!

Am Cape St. Marys besuchen wir eine riesige Kolonie von 50.000 Basstölpeln, Möwen, Alks… insgesamt über 200.000 Vögel brüten auf den Felsen und der Fussweg führt nahe am die Kolonie. So kann man die Eindrücke auch mit Nase und Ohren wahrnehmen. Wir haben Glück und der Nebel lichtet sich oft, sodass auch die Augen genug zu sehen bekommen.

Auf dem Discovery Trail brechen wir mal kurz mit unserer Konvention keine Katastrophen- Touristen zu sein und besichtigen das Wrack eines Amerikanischen Bombers, der im kalten Krieg 1953 versucht hat, unter dem Radar zu fliegen und leider die Hügel Neufundlands erwischt hat. Es ist noch erstaunlich viel zu sehen.

Da Simon schon Papageitaucher auf Island gesehen hat, ist er zunächst wenig begeistert von der Insel vor Elliston. Es hat viele Touristen und die Vögel sind nicht besonders nah. Am nächsten Morgen jedoch teilen wir den Ort bei Sonnenaufgang nur mit einem britischen Paar, welches in Genf lebt. Die Papageitaucher flogen auf unsere Seite der Halbinsel und posierten ganz nah. Sogar einer der es noch nicht geschafft hat, sich umzufärben, zu erkennen an dem noch schwarzen Gesicht, zeigt sich uns. Im Hintergrund fressen die Wale und bevor die nächsten Touristen kommen, sind alle Vögel wieder auf die Insel geflogen, die Wale verschwunden und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ein magischer Moment hält selten lange an, doch wir können ein Leben lang davon zehren.

Workaway oder Urlaub gegen Hand:

Unterwegs organisieren wir uns eine kleine Pause vom Leben auf der Strasse. Krista und David bieten uns über die Website workaway.info an, ihnen bei der Farmarbeit zu helfen. Im Gegenzug bekommen wir Kost und einen tiefen Einblick in das neufundländische Leben. Am Anfang kommen wir uns überflüssig vor, so überfüllt ist das Haus mit Jugendlichen jeden Alters. Aber schon am zweiten Tag sind wir integriert und fühlen uns immer wohler. Wir dürfen bei allem helfen und uns ausprobieren. Geflügel füttern, Kartoffeln ernten, Gewächshaus pflegen sind nur einige der Arbeiten die wir machen. An unserm freien Sonntag lassen wir uns von den farmeigenen Pferden eine Runde durch die Landschaft tragen. Wir kosten zum ersten Mal Jiggs Dinner, eine Mahlzeit, die sich aus gekochten Kartoffeln, Weisskohl, Steckrübe und Karotten sowie Knödel, Erbsenbrei und gebackenem Huhn zusammensetzt, oben drauf kommt noch eine Mehl-Sauce. Wir führen tiefgründige Gespräche über das Leben auf so einer kleinen Gemüsefarm und lachen herzhaft über David`s Deutschkenntnisse, die aus einem vergangenen Jahrhundert stammen und meist nicht jugendfrei ist. Es fällt uns schwer, nach 9 Tagen zu gehen, aber wir haben ja noch etwas vor, bis der Winter kommt.

Den Terra Nova Nationalpark lassen wir links liegen, das Wetter ist bescheiden und der Park besteht aus dichtem Wald und einem grossen Highway, der quer durch den Park gebaut ist. Bei Regen kann man Strecke machen, so unternehmen wir nur noch kurze Abstecher zur Küste um schöne Schlafplätze zu finden. Uns lockt der Gros Morne Nationalpark, von dem uns seit 4 Wochen vorgeschwärmt wird.

Endlich im Gros Morne Nationalpark wandern wir auf Bergen, deren sichtbarer Teil vom Erdmantel stammen und das nördliche Ende der Appalachen sind. Wir werden mit tollen Aussichten und einigen Tieren belohnt. Das frühe Aufstehen lohnt sich, sind doch die Parkplätze leer wenn wir die Wanderungen starten und voll, wenn wir wieder zurück sind. Auch wenn wir hier etwa eine Woche waren, möchte ich gar nicht mehr schreiben. Auf jeden Fall einen Besuch wert!

Wanderung auf den Gros Morne Mountain

Wanderung zum Western Brook Pond. Die teure Bootsfahrt lassen wir heute mal aus.

Abseits der Wanderwege (erlaubter-weise) erkunden wir die Tablelands. Der Aufstieg ist anstrengend, aber es lohnt sich.

Ein paar weiter Eindrücke:

Weiter geht’s nach Norden. Auch hier finden wir Fischerdörfchen, die fast ausgestorben sind. Seit 1992 der Fischfang fast komplett verboten wurde, haben diese Dörfer keine Jobs mehr. Dafür geniessen wir den Frieden, den wir hier besonders spüren können. Beim Wikingerdorf (L’Anse aux Meadows), dass zu einem Freilichtmuseum mit Schauspielern ausgebaut wurde, bekommen wir einen Eindruck davon, wie die Wikinger vor 1000 Jahren für etwa 10 Jahre gelebt und einen der nördlichsten Zipfel Neufundlands besiedelten haben.

Nun wollen wir aber doch langsam nach Labrador. Hurricane Dorian, der gerade an der Ostküste der USA sein Unwesen treibt, droht bis zu uns zu kommen und Sturm mögen wir im Hubdach eher weniger. Leider sind auch die Tage davor schon stürmisch und so bekommen wir erneut die wundervolle Gastfreundschaft der Neufundländer zu spüren.  Die Überfahrt verschiebt sich sturmbedingt um 5 Tage. Wir hängen fest. Die erste Nacht gönnen wir uns ein gemütliches B&B und hoffen am nächsten Tag, auf die Fähre zu kommen. Auf der Suche nach Internet um ein sehr wichtiges Video für die Hochzeit von Simons Bruder hochzuladen, lernen wir Gail kennen. Gail ist die Schulbusfahrerin und wir fragen Sie an einer Tankstelle, wo sich die nächste öffentliche Bücherei befindet (diese haben freies Internet), da diese sehr weit weg ist, schickt Gail uns einfach zu Ihrem Mann nach Hause, damit wir das Video dort hochladen können. Martin offeriert uns darauf hin, dort zu bleiben bis die Fähre fährt. Von so viel Gastfreundschaft sind wir völlig überwältigt, ist sie doch in Mitteleuropa eher ungewöhnlich. Ohne Gegenleistung bekommen wir ein Zimmer, werden bekocht und dürfen, nein sollen sogar unsere Wäsche waschen.

Martin ist schwierig was das Essen angeht, isst fast kein Gemüse und kein Käse, so können wir mit vegetarischer Schweizer Küche nicht punkten. Aber Rüblikuchen das geht… Martin ist neben dem Ferolle- Leuchtturm aufgewachsen, der Leuchtturm, der uns als Kulisse für unsere Grussbotschaft für das Brautpaar diente. Der Sturm war übrigens kaum noch spürbar hier oben, Martin war sehr enttäuscht, liebt er doch den Sturm. Wir waren eher erleichtert, haben wir doch die Bilder der Zerstörung, welche der Sturm in der Umgebung von Halifax angerichtet hatte, gesehen.

Immernoch überwältigt von dieser intensiven kulturellen Erfahrung, können wir schliesslich doch nach Labrador übersetzen…